opus 111 – in Zeiten des „hohen C“

Noch ein Blog? Und weshalb gerade opus 111? Wer singt denn da ein hohes C?

Ja, ein neuer Blog. Mein neuer Blog! opus 111, weil…ok, das ist wichtig, aber ich komme nachher gleich noch darauf zurück. Erst muss ich kurz das mit dem hohen C klären, diesen Lieblingston der Belcanto-Tenöre, die zur Zeit allesamt verstummt sind. Das hustende, spuckende, krachende C von Corona hat ihren heldischen hohen Cs nämlich den Rang abgelaufen. Silenzio. Fermate.

Die Regierungen dieser Welt haben dem hohen C-orona die Kultur, die Wirtschaft, die sozialen Kontakte und wohl auch die sportlichen Aktvitäten geopfert. Seither spielen die Musiker dieser Welt sozusagen in einem globalen Orchester das „Tacet“ von John Cage – und wenn Sie aufmerksam hinhören, können Sie es da, wo Sie gerade jetzt sind, hören: Stille. Bei der Uraufführung von Tacet am 29. August 1952 löste die 4 Minuten und 33 Sekunden dauernde Stille des Stücks wenigstens einen Skandal aus – nach über einem Monat von weltweitem „Tacet“ erreichen mich über whatsapp dagegen seltsame Botschaften wie: „heute Abend stellen wir uns alle auf die Balkone und klatschen für den Bundesrat“.

Doch so still ist die Stille ja nicht. Es heisst, John Cage habe in den 1940er Jahren einen schalltoten Raum besucht und erwartet, darin rein gar nichts zu hören. Doch „… hörte ich zwei Klänge, einen hohen und einen tiefen. Als ich sie dem zuständigen Techniker beschrieb, erklärte er mir, der hohe entstehe durch die Arbeit meines Nervensystems und der tiefe durch meinen Blutkreislauf.“1)

Freilich ist es nicht so, dass wir seit dem grossen Opfer an das hohe C-orona nur noch unser Nervensystem rattern und das Rauschen des Blutes hören würden. „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen“ heisst es im ersten Bariton-Solo in Beethovens Neunter Sinfonie.“ Die wunderbarsten Streaming-Angebote sind wie Pilze aus dem Internet geschossen – und ein ganz besonders wunderliches Exemplar sind die sogenannten Hauskonzerte von Igor Levit auf Twitter – heute, am 18.4.2020 hat er das 37. Hauskonzert gespielt. Und dies vor einer Internet-Fangemeinde von täglich fünzig bis achzigtausend Menschen, die Tag für Tag dankbar sind für die klirrenden und scheppernden Töne, die Igor Levits iPhone-Mikrophon ihnen zumutet. Igor Levit ist ein Held – für mich nicht so sehr wegen seiner Hauskonzerte, sondern weil er selbständig denkt. Er macht Mut, er rüttelt auf, er inspiriert. Er hat eine wunderbar kreative und ebenso eloquente Art, Musik zu vermitteln. Und da meine Frau und ich uns in den letzten Wochen sehr eingehend mit Igor Levit befasst haben, ist er wohl auch zum Inspirator dafür geworden, dass ich – endlich – diesem Blog mit dem Namen opus 111 Leben oder doch zumindest Buchstaben einhauche. Am Ostersonntag, 12.4.2020 hat Igor Levit in seinem 32. Hauskonzert Beethovens 31. und letzte Sonate op. 111 gespielt. Damit ist wohl schon etwas darüber verraten, was es mit opus 111 auf sicht hat. Dazu dann mehr beim nächsten Blog.

1)John M. Cage: Silence: Lectures and Writings. Wesleyan University Press, 1. Juni 1961, Seite 8

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